Milliarden für altes Blech

Oldtimer sind nicht nur etwas für Liebhaber. Die neuen Käufer sind Renditejäger.


Mercedes-Benz SL der Baureihe 107 gehören zu den häufigsten Oldtimern in Deutschland, ob mit Hardtop oder mit Verdeck.

Ein spezieller Duft dringt in die Nase, eine Mischung aus feinem Autowachs, Leder, Öl und Gummi. Die Abendsonne spiegelt sich im polierten Chrom. Im Düsseldorfer Classic Remis stehen Hunderte Oldtimer in Glaskästen. Es ist Museum und Parkhaus zugleich. Der Oldtimer-Tempel, besser bekannt unter dem Namen Meilenwerk, ist eine von mehreren Hallen in Deutschland, in denen Liebhaber ihrem alten Blech huldigen. Werkstätten, Restauratoren, Händler und Gutachter bieten ihre Dienste an. Und auch für Partys und Veranstaltungen dient die Kulisse regelmäßig. Das Konzept kommt an. Zwei weitere Hallen sind am Zürichsee und in Hamburg geplant.

Doch nicht alle Besitzer halten einen Klassiker aus purer Liebe zum Automobil. Es steigt die Anzahl derer, die alte Autos als Wertanlage nutzen. Blech und Chrom in richtiger Form sind wertbeständiger als Aktien, Immobilien oder Gold – wenn man intelligent einkauft. In Zeiten unsicherer Finanzmärkte beruhigen Sachwerte die Anleger.

Oldtimer-Händler können sich in diesen Tagen vor Anfragen kaum retten. Schon fahren mehr als 231.000 Klassiker mit einem Alter von mehr als 30 Jahren auf deutschen Straßen – ein Zuwachs von elf Prozent im Vergleich zum Vorjahr. 65 Prozent der Autos davon stammen aus deutscher Produktion, wie der VW Käfer, der hierzulande mit 26.857 Exemplaren das häufigste Modell ist. Dahinter folgt der Mercedes SL (R107) mit 7103 Fahrzeugen. Die Altversionen des Porsche 911 liegen mit 5.500 Zulassungen auf Rang fünf. In Europa sind mittlerweile 2,3 Millionen Oldtimer zugelassen, auch dort zeigt die Tendenz nach oben.

Historische Fahrzeuge bieten nicht nur einen Inflationsschutz, da sie von der allgemeinen Finanzwelt abgekoppelt sind. Sie versprechen auch eine wachsende Rendite. Die Nachfrage übersteigt das Angebot, und damit klettern auch die Preise. »Besonders gefragt sind originale und authentische Fahrzeuge mit belegbarer Historie. Die Menschen suchen nach vergleichsweise sicheren Anlagen«, sagt Martin Halder, Gründer und Vorstandsvorsitzender der Meilenwerk AG.

OLDTIMER
Als solche anerkannt werden nur Fahrzeuge, die mindestens 30 Jahre alt und gut erhalten sind. Die Hauptbaugruppen müssen Originale sein oder originalgetreu ersetzt worden sein. Für die Zuteilung des H-Kennzeichens (Historisches Fahrzeug) muss eine amtliche Begutachtung vorliegen. Der bislang teuerste Oldtimer des Jahres ist ein Ferrari 250 GTO von 1964, für den ein unbekannter Bieter 24,15 Millionen Euro zahlte

Der durchschnittliche Wert von Oldtimern ist laut Deutschem Oldtimer Index (Dox) im vergangenen Jahr um 9,3 Prozent gestiegen. Der Index wird seit 1999 aus Daten der Preisentwicklung von 88 Fahrzeugtypen aus sieben Herstellernationen berechnet. »Mit neun bis zehn Prozent Rendite pro Jahr kann man fast immer rechnen«, sagt Marius Brune, Geschäftsführer vom Marktbeobachter Classic Data. Vor allem Fahrzeuge über 100.000 Euro seien für Anleger interessant, da die Wertsteigerung auch die Nebenkosten ausgleiche. Dazu zählen neben der Kraftfahrzeug-Versicherung und Steuer auch Garagenmiete, Reparaturen und Instandsetzungsarbeiten. »Das internationale Geldpublikum interessiert sich aber eher für Autos mit einem Wert über einer halben Million Euro«, sagt Brune.

Aber nicht jedes Auto gewinnt mit dem Alter. Nur besonders gut erhaltene Fahrzeuge im Originalzustand oder restaurierte Fahrzeuge wachsen im Wert. Dabei muss es nicht unbedingt ein teurer Sportwagen sein. Gewinner für Anleger waren 2011 vor allem Kleinwagen, allen voran die »Ente« – der 2CV von Citroën –, der Renault 4 und der Fiat 500F. Erst auf Rang vier folgt ein deutsches Auto, der »Hausfrauen«-Porsche 924.

Den größten Sprung von Platz 21 des Vorjahres auf Rang 5 schaffte der Mercedes 300 SL Flügeltürer, der damit auch das teuerste Fahrzeug in den Top Ten ist. Er ist eine rentable Anlage. Bei Markteinführung 1954 kostete das Coupé zwar schon 29.000 D-Mark – einen VW Käfer 1200 Standard gab es damals schon für 3.950 D-Mark –, doch während die Käfer-Preise heute im niedrigen fünfstelligen Bereich dümpeln, lassen sich mit dem SL heute Spitzenpreise erzielen. »Ein guter und originaler 300SL kostet heute etwa 600.000 Euro«, sagt Klaus Kienle, Inhaber von Kienle Automobiltechnik. Das Unternehmen in Heimerdingen bei Stuttgart ist der weltweit größte unabhängige Restaurierungsfachbetrieb für klassische Mercedes-Fahrzeuge. Von den seinerzeit genau 1.858 gebauten Exemplaren des SL Roadster gibt es noch etwa 1.400 Fahrzeuge, vom Flügeltürer haben von 1.400 gebauten Fahrzeugen 900 überlebt.

Die Zeiten, in denen das »rostigste Hobby der Welt« Schraubern, Nostalgikern und Autoverrückten vorbehalten war, sind nach Meinung von Restaurierer Kienle schon lange vorbei. »Seit vier oder fünf Jahren ändern sich nicht nur die Preise, sondern auch die Käufer. Drei von zehn Kunden kaufen sich einen SL bewusst als Geldanlage«, sagt Kienle. Und greifen dafür tief in die Tasche. 5,5 Milliarden Euro geben Oldtimer-Besitzer in Deutschland pro Jahr insgesamt für ihr Hobby aus, schätzt der Bundesverband für Clubs klassischer Fahrzeuge e.V.

Die wenigsten Besitzer stellen sich ihre fahrende Aktie aber in die Garage. »Es ist zwar eine gute Wertanlage mit einer hohen Rendite, muss aber auch gefahren werden. Denn sonst bekommen die Fahrzeuge Standschäden. Die Anleger suchen sich bewusst ein historisches Fahrzeug, weil sie Spaß an einem Oldtimer haben«, sagt Kienle. Es komme keiner zu ihm und verlange irgendein Auto, um sein Geld anzulegen. »Die meisten suchen sich ein Modell bewusst aus, um es auch zu fahren. Denn die Besitzer lieben diese Autos, nicht nur wegen der damaligen Rennerfolge, sondern auch oft durch ihre Kindheitserinnerungen«, sagt der Mercedes-Spezialist.

Martin Halder vom Meilenwerk teilt die Oldtimer-Besitzer in vier Gruppen ein: »Echte Liebhaber, die sich für gewisse Marken, Epochen oder Fahrzeugtypen interessieren. Sammler, die sich mehr oder weniger systematisch einen bestimmten Fahrzeugbestand aufbauen. Youngtimer- und Oldtimerfreunde, denen es meist um die Freude am Automobil und am Fahren geht. Und Investoren, die für einen Vermögensaufbau und -erhalt stehen.« Zwar habe die Gruppe der Investoren zugenommen, die Fahrer von Youngtimern bildeten aber noch immer die stärkste Gruppe.

Wenn es teurer werden darf, seien auch einige Vorkriegsfahrzeuge wie der Mercedes 540 oder 500K der 1930er Jahre eine gute Wahl, ist sich Klaus Kienle sicher. Allerdings kosten solche Autos rund eine Million Euro. Auch ein BMW 507 aus den 1950er Jahren ist heute doppelt so viel wert wie noch vor fünf Jahren und wird heute mit 720.000 Euro gehandelt. Noch exklusiver sind nur noch einige Bugatti-Modelle oder historische Rennwagen von Ferrari. Der 250GTO mit der Fahrgestellnummer 5095GT wurde vor kurzem für gut 24 Millionen an einen anonymen Fan verkauft. 1996 wechselte die Nummer 32 von 39 gebauten Fahrzeugen noch für 4,3 Millionen den Besitzer.

Doch auch mit einer kleineren Geldbörse lässt sich sicher anlegen. »Wer jetzt investieren will, sollte sich nach einigen Youngtimern umsehen. Tipps sind der Mercedes E500, Mercedes 190 E 16 V oder der Mercedes SL der 1990er Jahre (R129)«, sagt Klaus Kienle. Bei den Limousinen empfiehlt Martin Halder einen knapp 30 Jahre alten Rolls-Royce oder Bentley. Auch ein BMW Z1 sei eine gute Wahl, wie überhaupt einige BMW-Fahrzeuge der 1970er und 1980er Jahre. Grundsätzlich gelte: Sportwagen gehen besser als Limousinen. »Die wichtigste ›Rendite‹ beim Oldtimer ist aber die Fahrfreude. Das sollte auch das tragende Kaufmotiv sein«, meint Martin Halder.

Allerdings müsse das Auto im Originalzustand sein, wenig Laufleistung haben und nur einen oder zwei Vorbesitzer eingetragen haben. Beim Kauf sollte unbedingt ein Fachmann dabei sein. Auch ein Wertgutachten eines Kfz-Sachverständigen hilft bei der Auswahl. Die Noten der Gutachten von Classic Data, TÜV oder Dekra reichen von eins bis fünf und geben gleichzeitig eine Preiseinschätzung ab. Experten raten dazu, ein möglichst originales Auto in einem guten Zustand mit der Note 3+ oder besser zu kaufen. Denn eine Restauration kann leicht zu einem Fass ohne Boden werden. Dann ist schnell auch die Rendite dahin.

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