Herr der Oldtimer auf drei Etagen

Die oberen Parkdecks einer Wiener Innenstadtgarage beherbergen einen Schrottplatz und 300 historische Autos

"In den 70er Jahren ist man beim Autobau ressourcenschonender vorgegangen als heute", sagt Schmid.

Wien. Die Ebenen 7, 8 und 9 der Innenstadtgarage sind gesperrt – sie wurden an Herrn Schmid vermietet. Der gelernte Machinenbauer und Automechaniker sammelt und renoviert alte Autos. Rund 300 Oldtimer stehen auf den letzten drei Parkdecks.

"Die Parkdecks sind mein privater Schrottplatz und Heimat für Autos des Mercedes-Benz-Veteranen-Clubs, für private Einsteller, Freunde und Bekannte", erklärt Schmid im Gespräch mit der "Wiener Zeitung." Auf Ebene 9 parken komplette Autoleichen neben echten Raritäten, Havarien neben Museumsstücken. Und zu jedem der 300 Autos weiß der 53-Jährige eine Geschichte zu erzählen.

Auch ein Misthaufen kann viel Geld bringen
"Dieses Auto hier zum Beispiel – ein Mercedes 170 Diesel, Baujahr 1950 – haben wir nach dem Jahrhunderthochwasser aus einer überfluteten Werkstatt geborgen. Das Auto war mit dem Schlamm der Donau und dem Löß der Wachau durchdrungen. Keiner hat verstanden, warum der Schmid so einen Misthaufen nach Hause bringt. Heute ist es das Auto, das mir am meisten Geld eingebracht hat. Denn die Ersatzteile sind sehr selten. Und noch immer hole ich Teile aus ihm raus."

Dabei handelt es sich laut Schmid nicht etwa um den Kotflügel oder eine Türe – es ist oft nur der Verstellknopf vom Fahrersitz, der einem Oldtimer-Liebhaber fehlt – und Herr Schmid hat das Originalteil.

In seiner Werkstatt in der Gurkgasse 3 im 14. Bezirk werden diese Teile dann ihrer neuen Bestimmung übergeben. "Für mich ist das Restaurieren eines historischen Autos kein Anmalen mit Akryllack, sondern die Technik in den ehemaligen Werkszustand zu versetzen, beziehungsweise auch besseres Material zu verwenden, als damals verwendet wurde, um die Haltbarkeit des Autos zu verbessern. Aber ich möchte das Auto nicht aus dem Gleichgewicht seiner Konstruktion bringen", sagt der Oldtimer-Experte und greift in die Eingeweide eines alten Sechszylinders.

Das älteste Auto, das Schmid restauriert hat, war ein Mercedes 260 Diesel Pullmann aus dem Jahr 1937. Seine Vorliebe für Mercedes liegt im Übrigen in seiner Kindheit begründet, als sein Vater aus drei Autowracks ein fahrbares Auto gemacht hat. Und in seiner Studentenzeit, wo er sich nur alte Autos leisten konnte, wurde seine Vorliebe erneut bestätigt. "Egal, wo ich in Europa unterwegs war, mein Auto hat mich nach Hause gebracht". Mit diesen Autos, die damals schon dreißig Jahre alt waren, wurde laut Schmid der Ruf der Marke begründet, wovon sie seiner Meinung nach noch heute zehrt.

Plädoyer für Oldtimer: Anschaffung fürs Leben
Von Neuwagen hält Schmid nicht viel. "Die Autos der 60er und 70er Jahre wurden so konstruiert, dass sie eine Anschaffung für das ganze Leben darstellten – im Vergleich zu: kurz mal für drei Jahre ein Auto leasen. Autos von heute sind nach sieben Jahren tot", sagt er und zeigt auf ein optisch einwandfreies Auto. "Bei dem ist die ganze Bodenplatte durchgerostet. Lederausstattung, Klimaanlage, keine zehn Jahre alt – ein Jammer".

Früher seien die Teile für die Ewigkeit gemacht worden. "Ich habe zum Beispiel noch nie ein Heizgebläse aus meinen Oldtimern ausbauen müssen. Die funktionieren einfach immer." Sogar bei einem "Erdfund" (ein Auto, das 30 Jahre im freien gestanden ist, Anm.) – hätten die Fensterheber noch funktioniert, nachdem Schmid sie an eine Batterie gehängt hatte.

Heute würden Fensterheber gebaut, die von Plastikrollen bewegt werden. "Wenn das Fenster im Winter eingefroren ist, brechen die Rollen, das Fenster fällt in die Türe und beschädigt mit zwei Spitzen noch zusätzlich den Türboden, was dazu führt, dass die Türe innerhalb von sieben Jahren durchrostet und selbst als Ersatzteil unbrauchbar wird", meint Schmid nachdenklich. Und das betreffe bereits alle Automarken.

Selbst in die Haltbarkeit der Schweißnarben seien "tickende Uhren" eingebaut, "weil das Aluminium die Opfer-Anode für den Stahl ist", erklärt des Experte. Heißt soviel wie: Das Verschweißen von unterschiedlichen Metallen beeinträchtigt die Haltbarkeit der Verbindung – oder wie es der Maschinenbauer ausdrückt: "Mit einer Kabanossi-Elektrode eine Mortadella zusammenschweißen."

In den 70er Jahren sei auch wesentlich ressourcenschonender gearbeitet worden. So würde etwa ein alter VW-Käfer vollständig verrotten, weil das Metall korrodiere, der Gummi aus Nauturkautschuk, die Sitze aus Jute und die Sitzbezüge aus Baumwolle bestehen. Ein aktueller Golf müsse hingegen als Sondermüll entsorgt werden. "Die Kunststoffe – so wie es von der EU vorgegeben ist – zu 95 Prozent sortenrein zu entsorgen, ist meiner Meinung nach unmöglich. Das kann man nur thermonuklear, sonst nicht. Und das alles wegen Plastikteilen für eine Nutzungsdauer von sieben Jahren. Von Nachhaltigkeit kann da also keine Rede sein."

"Vollhybrid ist für mich halbkrank"
Auch mit der neuen Technologie von Hybridautos, geht Schmid hart ins Gericht. "Vollhybrid ist für mich halbkrank, denn wenn ich eine 200 kg schwere Nickelbatterie in ein Auto hineinstelle und der Nickel als Rohstoff in den vergangenen sechs Jahren den Preis versechsfacht hat, dann werden auf einmal jene Nickelminen interessant, die man vorher als ökologischen Supergau bezeichnet hat. Heute wird in Kanada aus Naturgebieten, die so groß wie Niederösterreich sind, mit Phosphorlösungen Nickel aus dem Berg geschwemmt. Und wenn man das alles zusammenrechnet, kann das Hybridauto ökologisch und nachhaltig gar nichts."

Außerdem würde durch die Produktion eines neuen Autos mehr Co2 produziert, als von einem Oldtimer, der 40 Jahre fährt. "Alleine die Transportwege eines Kleinwagens betragen in der Produktion mehr als 800.000 Kilometer. Bei einem Audi A8 sind es 6,6 Millionen Transportkilometer, bis er ein Auto ist. Und so etwas fließt in keine Ökobilanz."

Deswegen will Schmid weiter Autos restaurieren – solange es noch geht. "Denn Oldtimer wird es in Zukunft nur etwa bis Baujahr 1995 geben. Alles danach ist Wegwerfware." Bis diese Fahrzeuge Oldtimer sind, dauert es aber noch ein paar Jahre.

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