Der China-Benz - oder wie aus dem Mercedes-Ponton eine Staatskarosse im Reich der Mitte wurde.

Kaum war die Ablösung des großen 220er Ponton im Jahre 1958 durch die Heckflosse in Sicht, da waren schon die fleißigen Chinesen aktiv geworden. Im Reich der Mitte brauchte man damals einen repräsentativen Kader-Wagen, das Volk fuhr ja Fahrrad. Und was nimmt man da als Vorbild? Natürlich einen Wagen der Marke, der bei vielen Staatsanlässen in Deutschland und der Welt in den Pressebildern zu sehen ist: Einen Mercedes. Vielleicht hatten auch die rund vierhundert Mercedes 180 Diesel-Taxis die in Hong-Kong liefen, für bleibende Erinnerungen bei den Verantwortlichen gesorgt.

Also flugs einen 220 Ponton gekauft und kopiert – schon damals! Ein Prototyp des später als Shanghai SH 760 verkauften Wagens, wurde bereits 1958 auf einer Inlandsmesse präsentiert. Äußerlich hatte man natürlich etwas dem amerikanischen Geschmack gehuldigt, genau wie Mercedes mit der Heckflosse. Also sah der neue „Ponton“ am Heck eher etwas kantiger aus und hatte eine monumentale Front mit viel Chrom à la Chevrolet BelAir oder Packard, den sich auch die Russen als Vorbild für Ihren „Tschaika“ nahmen.

Der Chinesen-Benz sollte den Ponton um mehr als dreißig (!) Jahre überleben. Er blieb mit einigen Modifikationen bis 1991 in Produktion und lief parallel mit dem in Lizenz gebauten VW Santana vom Band in Shanghai. Und deshalb ist auch der vermutlich einzige in Deutschland existierende Shanghai-Ponton im VW-Museum zu bewundern!

Dass es einen China-Benz gab, war mir schon in den 80er Jahren zu Ohren gekommen und so habe ich bei einem Besuch 1994 im Reich der Mitte (übrigens ausgelöst durch die Kopien einer von mir entworfenen Lampenkollektion) die Kamera gezückt, als mir ein „verdächtiges“ Objekt vor die Kamera kam.

Die Fotos sprechen Bände. Türfenster-Abmessungen und Räder sind die ersten bekannten Größen. Im Innenraum ist das Lenkrad samt Schaltung ein alter Bekannter. Die Pedalerie und die Fußraumgestaltung samt Stockhandbremse – alles wie beim Ponton. Und am verblüffendsten ist die Unten-Ansicht - 1:1 Ponton. Motor Reihensechszylinder, Achskonstruktionen, Bodengruppe – wo man es nicht gleich sieht, hundert Prozent Kopie! Im Prinzip hat man der Rahmen-Bodenanlage vom Ponton nur einen neuen „Hut“ aufgesetzt. Wer es nicht glaubt, im VW-Museum kann man den Aha-Effekt aus der Bodenperspektive im wahrsten Sinne des Wortes auf den Grund gehen.

Die „Hüte“ wurden 1968 etwas dem Zeitgeschmack angepasst, zuerst hörte der Wagen auf den Namen SH 760A und mutierte 1974 zum SH 760B. Vermutlich sind die von mir gemachten Aufnahmen von einem 760B, denn die Kunststoff-Stoßstange à la Santana und die dem Santana zum Verwechseln ähnliche Gestaltung der Rückleuchten samt Typenschildern, sprechen für die letzte Serie. Und was es in Deutschland damals nur von Binz und Miesen gab, einen Ponton Kombi, den scheinen die Chinesen auch gebaut zu haben. Ich habe jedenfalls damals einen Kombi zu Augen bekommen, aber leider war die Kamera nicht griffbereit.

Und jetzt bitte den Artikel fleißig kopieren und um die Welt schicken, damit auch die letzten „weißen“ Flecken im Ponton-Land erkundet und somit bekannt werden.


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