205,666 km/h im Blitzen-Benz: Schnellster Mensch der Welt

Vor 100 Jahren war er der schnellste Mensch der Welt: Am 8. November 1909 stellte Victor Héméry mit dem Benz 200 PS auf der englischen Brooklandsbahn fünf Weltrekorde auf. Der später unter dem Namen „Blitzen-Benz“ bekannte Rekordwagen war das erste Auto, das die 200-km/h-Marke durchbrach. Damit war der Blitzen-Benz schneller als jedes Flugzeug und die Eisenbahn und setzte 1911 mit 228,1 km/h einen Rekord für Landfahrzeuge, der acht Jahre – bis 1919 – ungeschlagen blieb.

Der Blitzen-Benz ist ein Koloss des Motorsports. Zu Beginn des Jahres 1909 gab der Benz-Vorstand den Auftrag ein Auto zu konstruieren, das Geschwindigkeits-Bestmarken einfahren und damit Werbung für die Produkte aus Mannheim machen sollte. Man musste der Konkurrenz aus Untertürkheim etwas entgegensetzen.

Herzstück war ein gewaltiger Motor mit 21,5 Liter Hubraum. In der ersten Ausführung leistete der Motor 184 PS (132 kW) bei 1500/min, was durch Feinarbeit schließlich auf 200 PS (147 kW) bei 1600/min gesteigert wurde. Das Gewicht des Motors betrug 407 Kilogramm – das komplett wog das Fahrzeug 1.450 Kilogramm. Das Fahrzeug wurde um den Motor herumgebaut und ist auch heute noch eine mächtige Erscheinung - unterstrichen von einem Arbeitsgeräusch, das die Beschreibung „infernalisch“ zu Recht tragen darf. Das bollernde Motorengeräusch lässt bald die Ohren gellen, der Boden rundherum vibriert. Dass dazu noch die eine oder andere Flamme aus dem Auspuffrohr schlägt, wird meist nur noch als passendes Beiwerk für das eindrucksvolle Spektakel registriert.

In diese Maschine setzte sich Victor Hémery am 8. November 1909. Schon im August hatte Benz-Konstrukteur Fritz Erle in dem Wagen einen ersten Rennsieg eingefahren, im Oktober deklassierte Hémery bei einem Sprintrennen in Belgien die Konkurrenz. Doch einzig die gerade zwei Jahre alte englische Brooklandsbahn, Mutter aller Rennstrecken für Autos und Motorräder und ausschließlich für diesen Zweck konzipiert, schien geeignet, um wirklich schnell zu rollen.

Zunächst fuhr Hémery sich ein, tastete sich aber zugleich an die Geschwindigkeitsgrenze heran. Brooklands machte es ihm nicht leicht. Denn die beiden Steilkurven des Betonovals, zwar für höchste Geschwindigkeiten gebaut, setzten zugleich Grenzen: War man zu schnell unterwegs, drohte der Abflug. Hémery beherrschte schließlich Auto und Strecke: 205,666 km/h registrierte die Zeitnahme für die halbe Meile mit fliegendem Start, 202,648 km/h für den Kilometer. Noch drei weitere Rekorde holte Hémery – ein großer Tag für Benz. An dem übrigens erstmals die Zeitnahme mit drei Stellen hinter dem Komma möglich war, dank eines neuen Apparats der Firma Holden.

Zu dieser Zeit arbeiteten die Techniker in Mannheim an einer neuen, strömungsgünstigen Karosserie für den Rekordwagen, um dem Fahrtwind nur eine geringe Angriffsfläche zu bieten. Deshalb wurden die Hebel für Gangschaltung und Handbremse wie auch die Auspuffanlage außerhalb der Karosserie gelegt und nur Ausbuchtungen in der Motorhaube gaben den Auslass-Kipphebeln den notwendigen Raum. Der hohe, schmale Kühlerkern befand sich in einer Messing-Maske, deren oberen Abschluss ein spitz nach vorn gezogener Wasserkasten bildete. Am Heck lief die Karosserie spitz aus. Fahrer und Beifahrer – der die Benzin-Handpumpe betätigte – saßen ganz nah beieinander.

Bereits die ersten Rekordfahrten des modifizierten Blitzen-Benz zeigten, dass das Auto bis dahin bekannte Grenzen verschieben würde. Sämtliche europäische Rennstrecken waren für die mit dem Wagen angepeilten Geschwindigkeiten nicht geeignet. Man musste in die USA ausweichen. Der neu karossierte Wagen wurde im Januar 1910 nach Amerika verschifft. Ohne spezielle Vorbereitungen Barney Oldfield trat am 17. März 1910 am Strand von Daytona in Florida zum Rekordversuch an und erreichte eine neue Spitzenmarke von 211,97 km/h.

Doch die A.I.A.C.R. (Association Internationale des Automobile Clubs Reconnus) erkannte den Rekord nicht an. Am 23. April 1911 trat Fahrer Bob Burman in Daytona Beach an. Der breite und lange Strand eignete sich wunderbar für schnelle Fahrten. Er nutzte das Potential des Fahrzeugs und erzielte auf dem fliegenden Kilometer 228,1 km/h – ein neuer Landgeschwindigkeitsrekord, der bis 1919 ungeschlagen blieb.

Da war Victor Hémery allerdings schon nicht mehr bei Benz – seine Zeit bei den Mannheimern dauerte nur drei Jahre. Der 1876 in Brest geborene Hémery war als gelernter Mechaniker zuvor bei Léon Bollée tätig gewesen, von 1900 bis 1906 dann als Chef der Versuchsabteilung und Rennfahrer bei Darracq. 1905 baute Darracq ein Rekordauto, mit dem Hémery auch prompt 176,5 km/h schnell fuhr – ein Rekord, den er mit Blitzen-Benz übertreffen sollte.

1907 verpflichtete Benz & Cie. ihn als Werksrennfahrer. 1908 hatte er auf Benz unter anderem das Rennen St. Petersburg – Moskau gewonnen, „in der erstaunlichen Zeit von 8 Stunden 30 Minuten, was eine mittlere Geschwindigkeit von mehr als 80 Kilometer in der Stunde ergibt“, wie die „Automobil-Welt“ damals schrieb.

Das sind die Eckwerte, die zu Beginn des Jahrhunderts aus einem Rennfahrer einen Helden machten. Dass er oft genug nur Zweiter wurde, tat seinem Ruhm keinen Abbruch. Vielleicht machte die Faszination für seine Person auch sein mitunter impulsives Verhalten aus: Mehr als einmal wurde er disqualifiziert, weil er bei Rennen Funktionäre und Kollegen wüst beschimpfte.

Nach seiner Zeit bei Benz fuhr er noch auf verschiedenen Marken, mit einer ähnlich durchwachsenen Erfolgsbilanz. Der Erste Weltkrieg setzt seiner Karriere ein Ende. Danach konnte Hémery nicht mehr an seine früheren Erfolge anknüpfen. Am 8. September 1950 beging Victor Hémery, vollkommen verarmt lebend, im Alter von 74 Jahren in Le Mans Selbstmord. Ein Jahr später wurde ihm posthum der Titel des US-Meisters für 1905 zugesprochen.



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