1958 Mercedes-Benz Ponton Cabrio aus Experten-Hand

Der Mercedes-Benz Ponton als Cabrio tendiert sowohl in Stückzahl, Exklusivität, Fahrgefühl und vor allem wegen dem Status letztes handgefertigtes Auto von Mercedes (wie 300 SL) zu sein, eher zum 300 SL statt zum Fließbandprodukt „Arme-Leute-SL“ 190 SL. Deshalb sind die momentanen Listenpreise für restaurierte bzw. Zustand-1-Fahrzeuge vom Typ Ponton Cabrio viel zu niedrig. Zumal bei einer Restaurierung aufgrund des luxuriösen Innenraums schnell das Niveau eines 300 SL erreicht wird. Beim 300 SL wirkt zwar der bärenstarke Motor, Gitterrohrrahmen und der Renn-Mythos preistreibend, aber die eigentliche, luxuriöse Fahrkultur entfaltet sich in einem Ponton Cabrio. Mit dem Kauf geht die Geschichte erst richtig los! So dürfte die gleichlautende Erfahrung der meisten Ponton Cabrio-Besitzer lauten und so schreibt es der auf Ponton spezialisierten Ersatzteilhändler Thomas Hanna auf seine Fahnen.

Da es kaum voll restaurierte Ponton C/C (steht für Cabrio/Coupé) auf dem Markt gibt, wird man in der Regel bestenfalls einen teilrestaurierten, einigermaßen fahrbereiten Wagen auftun. Meistens kommen diese aus USA, denn dahin wurden in der Nachkriegszeit viele exportiert. Wenn man den C/C-Markt in den letzten zehn Jahren verfolgt, könnte man fast die Meinung vertreten, dass langsam alle ins Ausland exportierten Wagen wieder in Deutschland zurück sind. Man muss eigentlich nur eines beachten: Das Fahrzeug sollte komplett sein, speziell die vielen Zierteile können in der Beschaffung und Bearbeitung sehr problematisch werden.

Sehr oft kommen die Besitzer - wie auch in diesem Fall - über die Online-Plattform Ebay an das gesuchte Fahrzeug. Das angebote Cabrio hat offensichtlich neue oder neu grundierte Vorderkotflügel und sieht auch sonst einigermaßen komplett aus. Bei dem Ponton handelt es sich um eine Einspritzversion (SE) und davon ein relativ frühes Fahrzeug, also ab Herbst 58 ausgeliefert.

Der Ponton war der erste deutsche Wagen, der in nennenswerter Stückzahl mit Einspritzung lieferbar war! Ein Jahrgang später wurden alle Pontons an die gerade erscheinende Heckflosse angeglichen. Bei den Vierzylindern hatte dieses Facelift die dicken Stoßstangen zur Folge und bei C/C wurde zumindest der Innenraum ab Herbst 59 angeglichen: Prallplattenlenkrad und Plastikknöpfe statt welchen aus Bakelit zogen ein und auch die Sattlerarbeiten wurden im Detail einfacher ausgeführt, z.B. sind die Sonnenblenden deutlich abgespeckt und die Sitzpolster vereinfacht.

Mit dem Kauf geht die Geschichte erst richtig los!
Bei dem Wagen handelt es sich um eine europäische Version, der Verkäufer hatte das Cabriolet aus einem ungarischen Städtchen namens Gödöllo nahe Budapest geholt. Es stammt aus der Sammlung eines ungarischen Bauunternehmers, der den Wagen seinerzeit aus den USA importiert hatte. Aber offensichtlich war das Auto mal eine europäische Version, denn der Kilometer-Tacho und die Blinkanlage ließen darauf schließen, dass es kein zum US-Export vorgesehenes Fahrzeug war. Das brachte auch die von Mercedes angeforderte Datenkarte nach dem Kauf zutage. Erstauslieferung Österreich. Kommissionsnummer 9. Also ein wirklich frühes Exemplar, einer der allerersten Einspritzer!

Thomas Hanna war aus der Erfahrung heraus klar, dass dieser Wagen gerade weil er aus USA kam, wie dort üblich, kosmetische Behandlungen erfahren hatte. Die Ledersitze waren keine mehr, es war wie so oft zu Kunstleder mutiert. Von der Sattlerarbeit her gar nicht so schlecht, immerhin am original orientiert. Im Dach fehlte die Rosshaarschicht. Das ist wieder typisch USA. Es gibt die Außenhaut für relativ kleines Geld und die „nageln“ die meisten Sattler eben mal so drüber. Man kann es meistens schon daran erkennen, dass die Verdeckstangen sich durch den Verdeckstoff abzeichnen.

Mercedes-Oldtimer aus den USA = Blender?
Vorteilhaft war der komplett vorhandene Chrom und vor allem auch der zum Fahrzeug passende, wie die eingeschlagene Nr. 9 auf der Rückseite der Teile verriet. Das Restaurierungsobjekt wechselte also für etwas über 20 000 Euro den Besitzer und der Ponton-Spezialist brachte es in sein Lager. Ein paar Monate später wurde es sandgestrahlt und die Erfahrung wurde bestätigt, dass man in USA in Sachen Spachtel einfach „gut drauf“ ist. Die Radläufe hinten und der Verdeckkasten waren ein Sieb und auch sonst stand der ehemalige äußere Eindruck im krassen Gegensatz zum wirklichen Zustand.

Und das Schlimmste sollte auch jeder Kaufinteressent eines solchen Autos annehmen, dann ist er auf der richtigen Seite! Es ist nie besser, immer schlechter. Ein Grundsatz den die Erfahrung lehrt. Blech und Karosse kann man richten, nur Fehlteile sind die wahren Nervenkiller. Denn im Gegensatz zu den eingangs beschriebenen 190SL und 300 SL gibt es keine gute Ersatzteilversorgung, es gibt wegen der kleinen Stückzahlen nur wenige Lieferanten.

Es gibt nur wenige Ponton-Experten
Thomas Hanna mit seiner Ponton-Manufaktur ist einer der wenigen Experten, der sich dem Ponton verschrieben hat. In einer fast einjährigen Restauration machte der Bayer aus dem Altmetall auf Rädern einen veritablen Mercedes-Benz-Oldtimer – und zwar von Grund auf, wie es sich gehört!

Mercedes-Fans Facts
1958 Mercedes 220S Cabrio
Antrieb: Reihensechszylinder, 2195 ccm, 106 PS bei 5200 U/min, 17,5 mkg bei 3500 /min, zwei
Solex-Register-Fallstrom Vergaser 32 PAJTA; 4-Gang-Schaltgetriebe, Hinterradantrieb
Fahrwerk: Einzelradaufhängung mit Doppel-Querlenker, Schraubenfedern, Drehstab-Stabilisator, hydraulische Teleskop-Stoßdämpfer, Trommelbremsen; Hinten Eingelenk-Pendelachse, Schraubenfedern, Drehstab-Stabilisator, hydraulische Teleskop-Stoßdämpfer, Trommelbremsen
Räder: Stahlfelgen mit Radkappe, 5x13" mit 6,70-13 Sport
Sonstiges: 2178 Exemplare vom 220S (und 1112 vom 220SE)

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